Schon lustig: Goldonis „Diener zweier Herren“

Ein Verwechslungsstück, in dem totgeglaubte Herren eigentlich Frauen sind, Verwicklungen um Liebespaare, Schuldscheine und heiße Suppen –  „Diener zweier Herren“ vom Venezianer Carlo Goldoni (Uraufführung 1746) ist eine höchst amüsante Komödie, die sich im Burgtheater rasant im Kreise dreht.

Peter Simonischek als Panatlone sieht mit den falschen Zähnen wie in seinem Kinohit "Toni Erdmann" aus, daneben Andrea Wenzl (Beatrice, verkleidet als ihr toter Bruder)

Peter Simonischek als Pantalone sieht mit falschen Zähnen wie in seinem Kinohit „Toni Erdmann“, daneben Andrea Wenzl (Beatrice, verkleidet als ihr toter Bruder)

Mithilfe der Drehbühne wechseln rasch die Schauplätze, zwischen denen Truffaldino, der aus Geldnot bei zwei Herren im Dienst steht, hin und her zischt. In bester Commedia dell’Arte-Manier steigert sich das Tempo im Laufe des Abends, viel (manchmal fast zuviel) Slapstick erfreut das Publikum und die Schauspieler haben sichtlich auch ihren Spaß.

Verwechslungen ...

Verwechslungen …

... bis sich natürlich alles in Wohlgefallen auflöst.

… bis sich natürlich alles in Wohlgefallen auflöst.

Alles in allem ein lustiger Theaterbesuch, wenn man sich unterhalten möchte und keine Lust auf tiefschürfende Problemstücke hat.

Diener zweier Herren

Empfehlung: 2*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=966124020

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Diener_zweier_Herren

Schnarch …. Goethes “Torquato Tasso” im Burgtheater

Stinkfad war der Abend im Burgtheater. Jetzt ist „Torquato Tasso“ von Goethe an sich schon ein recht schwieriges Stück. Es hat fast keine Handlung, dafür lange Monologe, die sich um die Situation des Künstlers, um philosophische Gedanken und das menschliche Scheitern drehen.

Torquato Tasso (Philipp Hauß) mit dem Dichterkranz und Antonio (Ole Lagerpusch)

Torquato Tasso (Philipp Hauß) mit dem Dichterkranz und Antonio (Ole Lagerpusch), rechts Andrea Wenzl als Leonore d’Este

Hausarrest im Klettergerüst

Hausarrest im Klettergerüst

Was allerdings im Burgtheater daraus (nicht) gemacht wurde, steht auf einem anderen Blatt. Regisseur Martin Laberanz schafft es überhaupt nicht, bei mir auch nur irgendein Interesse an der Geschichte des Dichters Tasso, der im Dienst des Herzogs von Ferrara steht, zu wecken. Weder an seinem Konflikt mit dem pragmatischen Staatssekretär Antonio noch an seiner Beziehung zu Prinzessin Leonore, weder an seinen psychischen Problemen noch am Ausgeliefertsein an einen reichen Gönner – nur Langeweile.

Der schönste Effekt des Abends: Licht-/Schatteneffekte im Zuschauerraum

Der beste Effekt des Abends: Licht-/Schattenspiele im Zuschauerraum

Die Schauspieler haben große Textmengen zu bewältigen (v.a. Philipp Hauß als Tasso), doch ist die Personenführung so seltsam, dass man sich nicht auskennt. Warum Antonio (Ole Lagerpusch) wie ein verhaltensorigineller Hyperaktiver agiert, erschließt sich mir nicht. Auch weiß ich nicht, warum die Musik als Dauerbeschallung sein muss, manchmal so störend, dass die Schauspieler kaum zu verstehen sind. Gekrönt wird die Inszenierung durch ein Bühnenbild, das genau nichts ist: Weder schön, noch häßlich, noch logisch, noch zum Stück passend.

Torquato Tasso

Leid taten mir allerdings die vielen Schüler, die gruppenweise (Wienwoche?) ins Theater mussten. Denn so erfreulich die Tatsache ist, dass jungen Leuten das Theater näher gebracht wird – mit solchen Klassikerinszenierungen haben sie wahrscheinlich für die nächsten Jahre genug davon und genau das Gegenteil wurde erreicht.

Dafür hat ungefähr ein Viertel des Publikums ein kleines Nickerchen gemacht …

Empfehlung: 1*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=966430098

https://de.wikipedia.org/wiki/Torquato_Tasso_(Goethe)

Wie geht politische Verführung? Shakespeares „Coriolan“ zeigt es im Akademietheater

In den Medien war es nicht zu übersehen: William Shakespeares „Coriolan“ (selten gespielt) kommt ins Akademietheater. Das wäre noch kein Grund für den Wirbel im Vorfeld gewesen, doch die Besetzung war es: Elisabeth Orth, die Doyenne des Burgtheaters, tritt als Mutter-Sohn-Gespann mit ihrem  Sohn Cornelius Obonya auf. Um das family business komplett zu machen: Regie führt die Schwiegertochter / Ehefrau Carolin Pienkos.

© Reinhard Werner, Burgtheater

© Reinhard Werner, Burgtheater

Jetzt geht man mit großen Erwartungen in ein solcherart angekündigtes Stück – und zumindest ich wurde nicht enttäuscht. Packend, wenn auch mit nicht ganz neuen Stilmitteln, wird das Schicksal des Feldherren Coriolanus gezeigt, der von der Mutter für Krieg und Höheres (Konsul) erzogen wurde.

Coriolan

Dem gegenüber steht das Volk – dumm, leicht zu gängeln, zu empören und zu verführen. Und mit dem Coriolan so gar nichts anzufangen weiß. Seine Meinung dazu: „Herrschaft des Volkes heißt, dass die Regierung nichts beschließen kann ohne die Zustimmung der Dummen“. Naja, wenn man dieses Volk auf der Bühne sieht und sich dann im richtigen Leben umschaut, kommt man ins Nachdenken.

Coriolan

Die Sympathie schwankt zwischen dem zwar hungrigen, aber doch einfältigen  Volk, das den im eigenen Interesse handelnden Tribunen auf den Leim geht, und dem hochnmütigen Feldherren, der lieber die Stadt verlässt, als mit dem Volk „ins Bett zu gehen“. Wie weit muss man sich als Politiker verbiegen, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben?

Sehr aktuell, das ganze Stück und doch vor über 400 Jahren geschrieben. Manches ändert sich scheinbar nie.

Noch zu erwähnen: Ein eiskaltes Bühnenbild in grauen und schwarzen Tönen, auch die Kostüme lassen praktisch keine Farbe zu. Nur der Mutter und der Ehefrau Coriolans werden rote Farbtupfer (Handschuhe bzw. Schuhe) zugestanden.

Es hat nicht allen gefallen, von meiner Seite aus jedoch:

Empfehlung: 4*

https://de.wikipedia.org/wiki/Gnaeus_Marcius_Coriolanus

https://de.wikipedia.org/wiki/Coriolanus_(Shakespeare)

https://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/premieren/Coriolan.at.php

„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Joël Pommerat) im Wiener Akademietheater

Ein sperriger Titel: „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ heißt das Stück von Joël Pommerat im Akademietheater, unter dem zumindest ich mir nicht viel vorstellen konnte.

Das Bühnenbild von Florian Parbs hält einige Überraschungen parat.

Das Bühnenbild von Florian Parbs hält einige Überraschungen parat.

Doch zu Recht wurde es nicht nur in Wien, sondern seit der Uraufführung 2013 an vielen französischen, deutschen und österreichischen Bühnen aufgeführt.

Joël Pommerat

Joël Pommerat

Witzig, absurd, traurig, nachdenklich – aber auf jeden Fall unterhaltsam und gar nicht langweilig, das alles fällt mir dazu ein. In 19 Szenen entwickeln sich kleine Geschichten, die fast immer ein unerwartetes Ende nehmen. 9 Schauspielerinnen und Schauspieler (Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Dörte Lyssewski, Petra Morzé, Markus Hering, Daniel Jesch, Dirk Nocker, Martin Reinke) schlüpfen dabei in die unterschiedlichen Rollen und machen den Abend zu einem wirklichen Gewinn. Und auch das Rätsel des Titels löst sich auf ….

Vor dem Sommer nur mehr an 2 Terminen  im Akademietheater.

Montag, 27.06.2016 | 19.00 UhrAkademietheater Karten

Dienstag, 28.06.2016 | 20.00 UhrAkademietheater Karten

Empfehlung: 4*

http://www.merlin-verlag.de/theaterAutorenPommerat.htm

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/premieren/Die_Wiedervereinigung_der_beiden_Koreas.at.php

https://fr.wikipedia.org/wiki/Jo%C3%ABl_Pommerat

Was genau machen Dramaturgen? Die Antwort gibt Evelyn Deutsch-Schreiners wunderbares Buch „Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart“

Evelyn Deutsch-Schreiner kennt alle Seiten des Metiers, sowohl die Praxis als Dramaturgin (u.a. am Wiener Volkstheater) als auch den wissenschaftlichen Zugang als Ordinaria für Dramaturgie, Theater- und Literaturgeschichte an der Kunstuni in Graz. Ende April präsentierte sie im Volkstheater nun ihr grundlegendes Werk „„Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart“. Sehr spannend, wie sich das Berufsbild im Laufe der Jahrhunderte geändert hat und welche Arbeitsfelder schlussendlich abgedeckt wurden und werden. Trotz meiner häufigen Theaterbesuche ist mir das Werken dieser meist im Hintergrund Arbeitenden nicht so klar gewesen.

Die Autorin Evelyn Deutsch-Schreiner

Die Autorin Evelyn Deutsch-Schreiner

Das Buch ist gut zu lesen, denn am Beispiel verschiedener Theaterpersönlichkeiten zeigt Deutsch-Schreiner die Geschichte der Dramaturgie.

Um EUR 24,99 im Böhlau-Verlag

Um EUR 24,99 im Böhlau-Verlag

So gilt Gotthold Ephraim Lessing als der erste Dramaturg der Theatergeschichte, der seine Gedanken dazu in der „Hamburger Dramaturgie“ niedergeschrieben hat. Von Friedrich Schiller (Weimar) und Joseph Schreyvogel (Wien), die bereits Bearbeitungen und „Fassungen“ herausbrachten, gezielt Autoren förderten und ein europäisches Repertoire anstrebten, spannt sich der Bogen über Max Reinhardt, der gleich mehrere Dramaturgen beschäftigte, bis zur Gegenwart, in der eindeutig die Frauen die Mehrheit in diesem Beruf stellen.

Dass Dramaturgie sich nicht aus der Politik heraushalten kann (oder will), zeigen beispielhaft die Lebensläufe des „Reichsdramaturgen“ Rainer Schlösser, der 1945 hingerichtet wurde, und Heinar Kipphardts, der aus der BRD in die DDR und schließlich wieder zurück übersiedelte.

Auch Bertold Brechts Dramaturgiemodell wird breiter Raum gewidmet, der Etablierung der „Produktionsdramaturgie“ als Einbindung in die Inszenierung und damit verbunden einer nachhaltigen Veränderung der Arbeitsweise der Dramaturgen.

Aufgelockert wurde die Präsentation mit der Lesung passender Textstellen durch die Volkstheaterensemblemitglieder Claudia Sabitzer und Stefan Suske.

Claudia Sabitzer liest u.a. aus "Arthur Kahane: Tagebuch des Dramaturgen"

Claudia Sabitzer liest u.a. aus „Arthur Kahane: Tagebuch des Dramaturgen“

Aus dem bös-amüsanten Dramolett von Thomas Bernhard " Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese " (Stefan Suske)

Aus dem bös-amüsanten Dramolett von Thomas Bernhard “ Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese “ (Stefan Suske)

Fazit: Ein Muss für alle, die vom Theater begeistert sind, die einen Blick hinter die Kulissen werfen und die wissen möchten, warum Theater heute so funktioniert, wie wir es sehen.

http://www.volkstheater.at/magazin/spezialisten-und-spezia%C2%ADlistinnen-in-der-umsetzung-von-ideen/

http://www.boehlau-verlag.com/download/164473/978-3-205-20260-8_WB.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburgische_Dramaturgie

Tutti fanno „Bella Figura“ – Yasmina Reza im Akademietheater

„Bella figura“, also einen möglichst guten Eindruck machen. Das wollen alle im gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza, das letztes Wochenende im Akademietheater in Wien seine Österreichpremiere hatte.

Noch ahnen sie nichts von den Verwicklungen, die der Abend bringen wird.

Noch ahnen sie nichts von den Verwicklungen, die der Abend bringen wird (im Auto C. Peters, rechts J. Meyerhoff)

Dass dieses Ensemble „bellissima figura“ macht, ist eigentlich klar: Caroline Peters, Joachim Meyerhoff, Sylvie Rohrer, Roland Koch und Kirsten Dene sind eine Klasse für sich.

© Reinhard Werner / Burgtheater

Treffpunkt Restaurant-Toilette (© Reinhard Werner / Burgtheater)

Auch das Bühnenbild mit Auto, die französischen Chansons dazwischen und die gesamte Inszenierung  machen Lust auf einen Abend am französischen Meer. Wenn da nicht diese Verwicklungen wären, in die alle Beteiligten irgendwie hineinstolpern … Boris ist mit seiner Geliebten unterwegs, fährt mit dem Auto eine Frau nieder, die sich als Fastschwiegermutter der besten Freundin seiner Frau herausstellt, mit deren Freund aber auch nicht alles so rosig ist, wie es im ersten Augenblick scheint. Dazu kommt noch sein bevorstehender Konkurs. Eigentlich lauter Situationen, die durchaus realistisch sind und höchst peinliche Momente nach sich ziehen.

© Reinhard Werner / Burgtheater

© Reinhard Werner / Burgtheater

Und doch enttäuscht das Stück etwas: Die Dialoge bleiben zu sehr an der Oberfläche, die Lacher aus dem Publikum passen zur Boulevard-Leichtigkeit. Es ist ein amüsanter Theaterabend ohne besonderen Tiefgang, Gesellschaftskritik quasi in gehobenes Geplänkel verpackt. Man erwartet die ganze Zeit den ultimativen Crash, doch am Ende scheint sich eigentlich nichts weiterbewegt zu haben.

Empfehlung: 3* – Achtung: Die Vorstellungen im April sind fast ausverkauft, also rechtzeitig Karten organisieren!

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=965871101

https://de.wikipedia.org/wiki/Yasmina_Reza

Großes Theater: „Spettacolo barocco!“ im Theatermuseum

Es ist DIE Ausstellung im Theatermuseum in Wien. „Spettacolo barocco! Triumph des Theaters“ hätte keinen besseren Rahmen finden können als das barocke Stadtpalais des Fürsten Lobkowitz (ursprünglich Palais Dietrichstein, erbaut 1685-1687), in dem sich seit 1991 das Theatermuseum befindet. Ein Grund, zu feiern und eine der wichtigsten Ausstellungen zur Theatergeschichte endlich zu realisieren!

Kuratiert wurde die Ausstellung von Andrea Sommer-Mathsi (gemeinsam mit Daniela Franke, Rudi Risatti und Alexandra Steiner-Strauss)

Kuratiert wurde die Ausstellung von Andrea Sommer-Mathis (gemeinsam mit Daniela Franke, Rudi Risatti und Alexandra Steiner-Strauss)

Das Theatermuseum verfügt über eine Fülle an Objekten zu diesem Thema und konnte aus dem Vollen schöpfen, ergänzt durch spektakuläre Leihgaben z.B. aus Český Krumlov.

Kaiser Leopold I. mit seiner Frau Margarita Teresa in Kostümen für "La Galatea" 1667

Kaiser Leopold I. mit seiner Frau Margarita Teresa in Kostümen für „La Galatea“ 1667

Bei cder Eröffnung gab sich Leopold I. dei Ehre :)

Bei der Eröffnung gab sich Leopold I. die Ehre 🙂

Gerade im Theater wurde die barocke Üppigkeit besonders gut um- und eingesetzt, wobei hier nicht nur Theateraufführungen im heutigen Sinn zu verstehen sind, sondern auch pompöse Opernaufführungen, Rossballette, inszenierte Schlittenfahrten, Festzüge, höfische Feste und kirchliche Inszenierungen.

Ein Film zeigt das Heilige Grab im Stift Zwettl, das wie eine Theaterbühne aufgebaut ist.

Ein Film über das Heilige Grab im Stift Zwettl, das wie eine Theaterbühne aufgebaut ist.

Originalkostüme aus Český Krumlov

Originalkostüme aus Český Krumlov

Theaterhut aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Theaterhut aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Schuhe mit stilisierten Krallen, 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Schuhe mit stilisierten Krallen, 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

All diese Facetten werden in der umfangreichen Schau gezeigt – es ist auch ein Fest fürs Auge: bunte Originalkostüme und Masken, Kulissen, Regenmaschinen, Bilder des Kaisers im Opernkostüm und vieles mehr entführen in die Welt des Barock.

Kostümdetail

Kostümdetail

„Spectacle müssen seyn“ (Zitat Maria Theresia?) – auch heute noch. Und dafür lohnt sich der Besuch im Theatermuseum!

Pantalone, Arlecchino, CapitanoLodovico ( Ottavio Burnacini, Wien um 1680) © Theatermuseum, Wien

Pantalone, Arlecchino, CapitanoLodovico ( Ottavio Burnacini, Wien um 1680) © Theatermuseum, Wien

Der Wettstreit von Luft und Wasser. Die Luft, Festwagen, Wiener Rossballett, 1667 (Kupferstich von Gerard Bouttats nach Nikolaus van Hoy) © Theatermuseum, Wien

Der Wettstreit von Luft und Wasser. Die Luft, Festwagen,
Wiener Rossballett, 1667
(Kupferstich von Gerard Bouttats nach
Nikolaus van Hoy)
© Theatermuseum, Wien

Fortsetzung folgt mit „Feste feiern“ im Kunsthistorischen Museum …

Tipps:
• Kuratorenführungen
• Theater- und Musikaufführungen
• Commedia dell’arte-Workshop

Empfehlung: 4*

http://www.theatermuseum.at/

http://www.theatermuseum.at/vor-dem-vorhang/ausstellungen/spettacolo-barocco/

WTF – Große Fragezeichen nach Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ im Burgtheater

Vielleicht bin ich zu blöd, um dieses „Theaterstück“ zu verstehen, doch tröstlich ist, dass es fast allen, mit denen ich gesprochen habe, auch so ergangen ist. Ratlose Gesichter in der Pause, leere Plätze nach der Pause – durchaus theateraffine Menschen wussten mit der Uraufführung von Peter Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ im Wiener Burgtheater nichts anzufangen. Genauso sperrig wie der Titel ist der ganze Abend, immerhin 3 Stunden lang.

Die Unschuldigen dringen in die Landstraße ein

Die Unschuldigen dringen in die Landstraße ein

v.l.n.r.: Regina Fritsch, Christopher Nell, Martin Schwab, Maria Happel

v.l.n.r.: Regina Fritsch, Christopher Nell, Martin Schwab, Maria Happel

Handke und Claus Peymann als Regisseur sind ein Dreamteam seit nunmehr 50 Jahren, doch hier ist der Traum für mich ausgeträumt. Das liegt eindeutig am Text, bei dem man sich dauernd fragt, was das jetzt eigentlich bedeuten soll. Poetik, Träumereien, Puck, Caliban, Godot – vielleicht eignet er sich mehr zum Lesen als zum Aufführen. Die Regie holt hier sowieso ein Maximum heraus und die Schauspieler und Schauspielerinnen sind großartig: Christopher Nell, den Peymann aus Berlin mitgebracht hat, Martin Schwab, aber auch Maria Happel und Regina Fritsch.

Christoph Nell als Handkes Alter Ego...

Christoph Nell als Handkes Alter Ego…

... aber auch als ein Shakespeare-Narr

… aber auch als ein Shakespeare-Narr

Die Hauptrolle spielt für mich aber die Landstraße im wirklich schönen Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann.

Die Landstraße (Bühnenbild Karl-Ernst Herrmann) © Georg Soulek

Die Landstraße (Bühnenbild Karl-Ernst Herrmann) © Georg Soulek

Die Zeit kann man sich übrigens damit vertreiben, die vielen Zitate und Anspielungen zu erkennen, die Handke in den Text gestreut hat …

Viele Plätze blieben nach der Pause leer...

Viele Plätze blieben nach der Pause leer…

Empfehlung: 1* – trotz großteils guter bis sehr guter Kritiken in diversen Medien

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=965170594

https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke

http://handkeonline.onb.ac.at/

https://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Peymann

John Hopkins „Diese Geschichte von Ihnen“ – Gewaltorgien im Akademietheater

Gleich vorweg: Es bleibt einem im Laufe der über dreistündigen Aufführung mehr als einmal die Luft weg, entsetzte Aufschreie sind da und dort zu hören, manche verlassen das Theater vorzeitig.

Großartige Schauspielkunst: v.l.n.r. Roland Koch, August Diehl, Andrea Clausen, Nicholas Ofczarek

Großartige Schauspielkunst: v.l.n.r. Roland Koch, August Diehl, Andrea Clausen, Nicholas Ofczarek

Das Stück selbst ist in drei Akte geteilt, kammerspielartig mit jeweils zwei Hauptpersonen. Es geht um den kleinen Polizisten Johnson (Nicholas Ofczarek), der während eines Verhörs den Verdächtigen so zugerichtet hat, dass er kurz darauf im Spital verstirbt.

Zu Beginn liefert er sich ein Duell mit seiner Frau (Andrea Clausen), der er von dem Vorfall erzählt. Sie möchte ihm helfen, er lässt jedoch keine Hilfe zu, sondern wird grob und gewalttätig.

Diese Geschichte von Ihnen

Im zweiten Akt versucht sein Vorgesetzter (Roland Koch) herauszufinden, was während des Verhörs passiert ist und wie es zu den Prügeleien kommen konnte.

Und am Ende schließlich sehen wir die Verhörszene, also den eigentlichen Ausgangspunkt des Abends. Ein unbescholtener Mann (August Diehl), der als Kinderschänder verdächtigt wird, liefert sich mit dem Polizisten ein Psychospiel, das dann bald in eine wirkliche Gewaltorgie ausartet. Ist er schuldig oder nicht? Wahrscheinlich, aber sicher wissen wir es nicht. Immer mehr kommt auch Johnsons Innenleben zum Vorschein, das dem eines Kinderschänders gar nicht so unähnlich ist.

Diese Geschichte von Ihnen

Der Riesenapplaus für die Schauspieler, v.a. für Nicholas Ofczarek, ist voll gerechtfertigt. Erstklassiges Schauspiel und die Regie von Andrea Breth lassen nicht eine Minute Langeweile aufkommen, im Gegenteil, der Großteil des Publikums sitzt atemlos und blickt gebannt auf die Zweikämpfe auf der Bühne.

Das Stück selbst wäre mit weniger guten Schauspielern allerdings kein Riesen-Hit und wird nur durch sie zum Erlebnis.

1972 drehte Sidney Lumet unter dem Titel „The Offence“ (deutsche Fassung „Sein Leben in meiner Gewalt“) mit Sean Connery als miesem Polizisten und Trevor Howard als seinem Vorgesetzter einen Film nach dem Stück von John Hopkins.

Empfehlung: 3*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=965270156

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Hopkins_%28Drehbuchautor%29

https://de.wikipedia.org/wiki/Sein_Leben_in_meiner_Gewalt

So traurig – „Das Wechselbälgchen“ im Volkstheater

Die Geschichte der kleine Zitha (benannt nach der „bösen Königin“) rührte mich zu Tränen. Ein Wechselbalg, also ein von bösen Geistern oder dem Teufel untergeschobenes Kind, viel Aberglauben und Zauberei, das harte Leben einer Magd in den Kärntner Bergen – das alles wird in dieser Volkstheaterinszenierung mit wenigen, aber sehr effektvollen Mitteln dargestellt.

v.l.n.r.: Seyneb Saleh, Florian Köhler, Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer

v.l.n.r.: Seyneb Saleh, Florian Köhler, Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer

Nach einem Buch von Christine Lavant stammt die Bühnenfassung von Maja Haderlap, Regie führte Nikolaus Habjan. Ein Team von 2 Schauspielerinnen, 2 Schauspielern und einigen Puppen genügt, um die traurigen Ereignisse rund um die Magd Wrga und ihr uneheliches, zurückgebliebenes Kind zu erzählen. Die Puppen werden dabei so liebevoll geführt, dass man meint, echte Kinder vor sich zu haben. Am Ende hat das Wechselbälgchen zwar eine heldenhafte Tat vollbracht, aber um welchen Preis …

Wechselbälgchen

Christine Lavant hat in diese Erzählung wohl viel eigene Erfahrungen einfließen lassen, wie ihre Kindheit in unvorstellbar armen Verhältnissen, aber auch vom Umgang mit behinderten Kindern.

Wechselbälgchen

Es ist keine leichte Kost, allerdings so berührend vom jungen Ensemble dargestellt, dass ich das Stück unbedingt empfehlen kann.

In den nächsten Wochen noch als Volkstheater in den Außenbezirken, soll „Das Wechselbälgchen“ ab Mitte Februar ins Haupthaus übersiedeln.

Nicht ganz so stimmig die Saaldeko: Volkstheater in den Außenbezirken in der VHS Hietzing

Nicht ganz so stimmig die Saaldeko: Volkstheater in den Außenbezirken in der VHS Hietzing

Das Buch wurde im Wallstein Verlag herausgebracht und ist sicher eine interessante Ergänzung zum Theaterstück, v.a. um die ganz eigene Sprache von Christine Lavant zu erleben.

Empfehlung: 4*

http://www.volkstheater.at/stueck/das-wechselbaelgchen/

http://www.wallstein-verlag.de/autoren/christine-lavant.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Lavant

https://de.wikipedia.org/wiki/Maja_Haderlap

http://nikolaushabjan.com/