Neues aus Berlin, Teil 3: Der Pianosalon Christophori

Ein Tipp für alle, die klassische Musik lieben: In einer Berliner Klavierfabrik wird in schrägem Rahmen ein außergewöhnliches Konzertprogramm geboten.

Abseits der üblichen Konzert-Locations, in einem netten Winkel in Wedding, steht eine große Fabrikshalle. Darin werden Pianos repariert und das sieht man. Überall Klavierteile und Klaviere, die Atmosphäre ist die einer Werkstatt – und doch auch der perfekte Rahmen für die Konzerte, die der Gründer und Betreiber Christoph Schreiber (Arzt im Hauptberuf) hier veranstaltet. Es geht lässig zu, Schreiber möchte den Besuch bewusst niedrigschwellig halten. Im Eintrittspreis sind auch Getränke enthalten, die man sich selbst einfach davor, danach und in der Pause nimmt und zu den Gesprächen mit Künstlern und Besuchern mitnimmt.

Einfach hingehen ist aber nicht gut, denn eine Vorreservierung auf der Webseite ist zu empfehlen. Wer wie ich von einem langjährigen Stammgast mitgenommen wird, darf in der ersten Reihe sitzen. Und sich ein Quartett aus jungen Musikern und Musikerinnen anhören, die das passende Programm für eine Wienerin in Berlin boten: Zemlinsky und seinen völlig unbekannten Zeitgenossen, Walter Rabl, der jedoch eine Entdeckung wert war.

v.l.n.r.: Jonathan Aner (Klavier), Olga Polonsky (Violine), Stephan Koncz (Cello), Shirley Brill (Klarinette)

http://www.konzertfluegel.com/index.html

Ein Wahnsinnsstück für einen Wahnsinnsschauspieler: „Die Welt im Rücken“ im Akademietheater

Und das ist hier wörtlich gemeint: Thomas Melle, der deutsche Autor, leidet an einer bipolaren Störung bzw. manisch-depressiven Krankheit. Diese Krankheit beschrieb er schon in seinem 2016 erschienen Buch „Die Welt im Rücken“, die nun dramatisiert im Akademietheater uraufgeführt wurde.

nur die Tischtennisbälle …

Für die einzige Rolle des Stücks konnte man eigentlich keinen besseren als Joachim Meyerhoff finden, der seine Kindheit in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte (sein Vater war Anstaltsdirektor, die Familie lebte auf dem Gelände) und seine Jugend  ja auch in den Projekt „Alle Toten fliegen hoch“ zum Thema macht.

wenige, aber sehr effektive Requisiten

Erleben kann man im Akademietheater einen fast dreistündigen Monolog, in dem die Auf und Abs der Krankheit aus der Sicht des Betroffenen erzählt werden: Bei Melle dauern die Phasen offenbar sehr lange, von bis zu einem Jahr ist die Rede. Wie empfindet der Kranke selbst die unterschiedlichen Zustände, wie wirkt er auf seine Umwelt, wie seine Umwelt auf ihn? Ich glaube, selten wurde diese Krankheit so unaufgeregt, zeitweise wirklich amüsant, dabei nie nach Mitleid heischend dargestellt.

Und über Joachim Meyerhoff ist bereits so viel gesagt und geschrieben worden, ich kann nur wiederholen: ein wirklicher Ausnahmeschauspieler, der in dem Stück (wie schon oft) an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit geht.

Regie: Jan Bosse, der auch für die Inszenierung von „Robinson Crusoe“ mit Meyerhoff verantwortlich war und dort Zuschauer und Schauspieler Platz tauschen ließ.

Wahrscheinlich wird es ein ziemliches G’riß um die Karten geben, auch die Stehplätze waren bummvoll.

Empfehlung: 4*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=967883421

https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Melle

https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Meyerhoff

Frauenpower und Lebensfreude – Maria-Theresia-Jubiläumsausstellung in der Kaiserlichen Wagenburg

Als erster Teil von vieren wurde gestern in der Wagenburg in Schönbrunn die Jubiläumsausstellung „Frauenpower und Lebensfreude“ eröffnet (Besprechungen der anderen folgen).

Hier wird den Fragen nachgegangen, wie es die legendäre Regentin (von 1740-1780) schaffte, ihre politischen und repräsentativen Aufgaben zu erfüllen, 16 Kinder zu bekommen und zusätzlich (in ihren jüngeren Jahren) Feste und diverse Vergnügungen ausgiebig zu besuchen.

Maria Theresia, Franz Stephan und 11 ihrer 16 Kinder (Martin van Meytens Schule, um 1764)

Dass sie ihre Weiblichkeit besonders herausstrich und auch zur Durchsetzung ihrer Ideen einsetzte, ist auf den Bildern ebenso gut zu erkennen wie in diversen zeitgenössischen Beschreibungen. Auch dass Maria Theresia bis zum Tod ihres Mannes Franz Stephan kein Kind von Traurigkeit war, belegen zahlreiche Gemälde und Dokumente. Sie begann anlässlich ihrer Krönung zur ungarischen Königin zu reiten und löste damit eine Reitmode bei den Damen in Wien aus. Doch selbst nach einer durchtanzten Nacht auf einem Ball saß sie am nächsten Tag an ihrem Schreibtisch. Wahrscheinlich sind Pflichtbewusstsein und Disziplin die Eigenschaften, die alle diese Aktivitäten möglich machten. In der Ausstellung ist jetzt keine sehr differenzierte Betrachtung der Person Maria Theresia zu erwarten, im Gegenteil, man spürt die Bewunderung und Hochachtung, die der Regentin und Frau zuteil wird. Sie selbst würde es freuen, wollte sie doch durch gezielte Propaganda als  Landesmutter und Reformerin in guter Erinnerung bleiben. Und bei aller kritischer Sicht: Sie hat tatsächlich viel für ihr Land und die Bevölkerung zustande gebracht.

Gala-Tragsessel für die schwangere Maria Theresia

In der Wagenburg liegt der Schwerpunkt natürlich auf der Repräsentation, aber auch auf der Zerstreuung: Zum Teil noch nie ausgestellte Prunkkarossen gibt es zu bewundern, eine prächtige Prozession von Kutschen wurde nachgestellt und – besonders schön – eine Reihe von Schlitten mit den passenden Pferdegeschirren aufgebaut. Passend vor einem Gemälde der Schlittenfahrt anlässlich der Hochzeit Josephs II., sodass man die Pracht solcher Umzüge nachvollziehen kann. Sie wurden übrigens nicht nur zum Vergnügen der Höflinge organisiert, sondern auch das Volk hatte seinen Spaß daran.

Details …..

…. Details

Eines der Prunkstücke ist eine nun wieder schimmernde Karosse, die dick übermalt gewesen war und in den letzten Jahren Schicht um Schicht freigelegt wurde. Zum Vorschein kam eine Farbschicht, die mit Metall versetzt war und so im Sonnenschein wunderbar glänzte.

Wie erwähnt, ist dies nur ein Ausstellungsteil im Jubiläumsjahr (Maria Theresia wurde am 13.05.1717 geboren), die anderen finden sich

  • in Wien im Hofmobiliendepot:“Familie und Vermächtnis“
  • in Schloss Hof: „Bündnisse und Feindschaften“
  • in Schloss Niederweiden: „Modernisierung und Reformen“
  • alle bis 29.11.2017

Und wer noch immer nicht genug hat:

  • in der Österreichischen Nationalbibliothek: „Maria Theresia: Habsburgs mächtigste Frau“
  • bis 05. 06.2017
  • im Stift Kloosterneuburg: „Kirche, Kloster, Kaiserin – Maria Theresia und das sakrale Österreich“
  • bis 15.11.2017
  • im Kunsthistoricshen Museum: „Zuhanden Ihrer Majestät. Medaillen Maria Theresias“
  • 28.03.2017 – 18.02.2018

 

http://www.mariatheresia2017.at/

https://www.onb.ac.at/news-einzelansicht/news/prunksaal-inkl-ausstellung-maria-theresia-habsburgs-maechtigste-frau-3/

https://www.stift-klosterneuburg.at/besuchen-und-erleben/touren-fuhrungen/jahresausstellung-2017/

http://www.khm.at/besuchen/ausstellungen/zuhanden-ihrer-majestaet/

Ein Stück Ballettgeschichte in der Wiener Staatsoper: John Neumeiers „Le Pavillon d’Armide“ und „Le sacre du printemps“

Wieder ein phänomenal getanzter Ballettabend in der Staatsoper: Zwei Stücke, die John  Neumeier, der gefeierte Choreograph und Hamburger Ballettdirektor, nach Wien bringt.

Le Pavillon d’Armide: Nijinsky und sein tänzerisches Ebenbild (Jakob Feyferlik, Masayu Kimoto)  © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Le Pavillon d’Armide:  Maria Yakovleva, Denys Cherevychko, Nina Tonoli © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Das ist einmal „Le Pavillon d’Armide“, ein Ballett, das seine Uraufführung 1907 in St. Petersburg und 2 Jahre später in Paris erlebte, damals getanzt Vaslav Nijinsky. Neumeier machte daraus eine Reise in Nijinskys Erinnerungen. Nicht ganz freiwillig in einer Nervenklinik, träumt er von vergangenen Rollen und Tanzpartnerinnen. Etwas verworren, die Geschichte, die von der spätromantischen Musik von Nikolai Tscherepnin untermalt wird – eine sehr gefällige Ballettmusik für den Moment, die kurz danach jedoch wieder vergessen ist. Auf jeden Fall bekommt man eine Ahnung davon, wie die Aufführungen der Ballets Russes zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen sein müssen, mit exotischen Kostümen und völlig neuen Tanzschritten. In Neumeiers Choreographie dann eines der schönsten Pas de deux zweier Männer, an das ich mich erinnere.

Le Pavillon d’Armide

Ganz anders geht es nach der Pause weiter, mit einem Ballett wie aus einem Guss. Mit Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“, das bei der Uraufführung einen Riesenwirbel auslöste, sowohl wegen der Musik als auch wegen Nijinskys Tanzstil. Auch Neumeiers Inszenierung war 1972 in Frankfurt für einen Skandal gut, denn hier tanzte Das Mädchen nackt seinen ekstatischen Todestanz.

Le sacre du printemps

Le sacre du printemps © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

In der Staatsoper gibt es keine nackten Tänzerinnen, es ist auch nicht nötig. Das Ensemble, einfärbig durch fleischfarbene Hosen und Oberteile, ist zum Teil gar nicht als einzelne Personen erkennbar, sondern bildet immer wieder neue Figuren aus Körpern. Diese Gebilde verändern sich, finden wieder zusammen, lösen sich auf, formen neue Bilder. Der absolute Höhepunkt ist aber Rebecca Horner, die den Todestanz derart furios gestaltet, dass man mitleidet und mitlebt und -stirbt. Strawinskys Musik hat in den über 100 Jahren nichts von ihrer Eindringlichkeit und Modernität verloren.

Le sacre du printemps

Leider nur mehr ein Termin in dieser Saison: 16.03.2016. http://www.wiener-staatsoper.at/spielplan-tickets/detail/event/965109224-le-pavillon-d-armide-le-sacre/

Empfehlung:  4*

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Neumeier

https://de.wikipedia.org/wiki/Le_sacre_du_printemps

https://en.wikipedia.org/wiki/Le_Pavillon_d%27Armide

https://de.wikipedia.org/wiki/Ballets_Russes

https://de.wikipedia.org/wiki/Vaslav_Nijinsky

„Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“ im Wien Museum

Eine in der Forschung und in den Publikationen eher unterbelichtete Zeit in Wiens Geschichte: Dass die Mehrheit der Wiener Bevölkerung im 16. Jahrhundert protestantisch war, ist den meisten wahrscheinlich nicht bewusst. Denn die katholischen Habsburger und mit ihnen die Gegenreformation taten alles, um die Stadt und die Untertanen wieder zum „richtigen“ Glauben zu bringen. In der Schlacht am Weißen Berg im Jahr 1620 wurde der Widerstand der protestantischen Stände endgültig gebrochen. Ganz ließ sich der neue Glaube freilich in Wien nicht ausrotten, doch es sollte noch bis zum Toleranzpatent Josephs II. dauern (1781), bis der Bevölkerung eine freie Religionsausübung erlaubt wurde.

Jakob Seisenegger: Predigt in der Wiener Augustinerkirche 1561 © Graf Harrach´sche Familiensammlung, Schloss Rohrau, NÖ

Jakob Seisenegger: Predigt in der Wiener Augustinerkirche 1561
© Graf Harrach´sche Familiensammlung, Schloss Rohrau, NÖ

Zwischen Martin Luthers Veröffentlichung seiner 95 Thesen (1517) und dem Toleranzpatent spannt sich der Bogen in der Ausstellung, mit dem Schwerpunkt im 16. und frühen 17. Jahrhundert.

Das alte Landhaus in der Herrengasse, ein wichtiges Zentrum der Protestanten (historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) © Wien Museum

Das alte Landhaus in der Herrengasse, ein wichtiges Zentrum der Protestanten (historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) © Wien Museum

Nicht nur die religiösen Konflikte in der Residenzstadt der katholischen Habsburger, sondern auch das politische, wirtschaftliche und kulturelle Umfeld werden beleuchtet. Da der Ausstellungssaal im Wien Museum ja nicht riesig ist, machte man aus der Not eine Tugend und möchte die Beengtheit innerhalb der Wiener Stadtmauern buchstäblich fühlbar machen. Daher empfiehlt sich ein Besuch zu einer Zeit, wo Platz und Zeit genug sind, um die Objekte ausführlich zu betrachten.

Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Das Augsburger Bekenntnis ("Confessio Augustana"), 1530. Zeitgenössicshe Abschrift des deutschen Originals. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Das Augsburger Bekenntnis („Confessio Augustana“), 1530. Zeitgenössicshe Abschrift des deutschen Originals. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Original des Augsburger Religionsfriedens 1555. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Original des Augsburger Religionsfriedens 1555. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Denn es wäre schade, durch diese Ausstellung schnell durchzuhetzen und sich nicht mit den wertvollen Originaldokumenten zu befassen, die in dieser Zusammenstellung noch nie zu sehen waren: So wird einer von wenigen erhaltenen Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517 gezeigt, das Augsburger Bekenntnis von 1530 in der ältesten Abschrift in deutscher Sprache sowie das Originaldokument des Augsburger Religionsfriedens von 1555 mit der Unterschrift Ferdinands I.. Aber keine Angst, die Ausstellung besteht nicht nur aus sogenannter „Flachware“, sondern die dramatischen Jahre werden mit Gemälden, Stichen und anderen Kunst- und Alltagsobjekten dargestellt.

Der sehr informative Katalog ist auf dem besten Weg, zum Standardwerk für diese Epoche der Wiener Geschichte zu werden. Der Preis ist mit EUR 29.- sehr vernünftig, wer allerdings das Layout verbrochen hat, muss ich noch nachschauen. Denn so einen hässlichen Satzspiegel habe ich schon lange nicht erlebt – wie wenn in der Druckerei auf jeder Seite ein Fehlschnitt passiert ist. Ich weiß, der Inhalt soll wichtiger sein als die Form, aber in diesem Fall ist Kritik schon angebracht.

Wien Museum

Ansonsten: Eine wirklich sehr informative, kleine, feine Ausstellung mit Schätzen aus den Archiven und einer klaren Vorgabe, wie der Rundgang sinnvoll angelegt werden soll.

Geöffnet bis 14.05.2017, täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr.

Empfehlung: 4*

 

http://www.wienmuseum.at/de/aktuelle-ausstellungen/ansicht/brennen-fuer-den-glauben-wien-nach-luther.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther

https://de.wikipedia.org/wiki/Protestantismus

„Film-Stills. Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino“ – eine sehenswerte Ausstellung in der Albertina

„Standbilder galten lange nicht als Kunst, sondern als Fotos aus Filmen, die schlicht nicht weiterlaufen.“ (Die Zeit)

"... denn sie wissen nicht, was sie tun" (Regie: Nicholas Ray, 1955), Foto: Floyd McCarthy (zugeschrieben)

„… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Regie: Nicholas Ray, 1955), Foto: Floyd McCarthy (zugeschrieben)

Dass das ein großer Irrtum ist, ist in der laufenden Ausstellung in der Wiener Albertina zu sehen, die das Genre der Film-Stills mit Bildern der 1910er- bis 1970er-Jahre als eigene Kunstform zeigt.

"Die Nacht des Jägers" (Regie: Charles Laughton, 1955)

„Die Nacht des Jägers“ (Regie: Charles Laughton, 1955) – übrigens einer der Filme, die mich als Jugendliche am meisten verstört haben.

In den meisten Fällen wurden die Bilder für Werbezwecke extra angefertigt. In den Anfangszeiten des Films in nachgestellten Szenen nach Drehschuss, in eigenen Porträtstudien der Stars oder mit Szenen, die wahrscheinlich der Zensur zum Opfer fallen würden. Je besser die Kameratechnik wurde, desto mehr konnte auch direkt auf dem Filmset fotografiert werden. Oft sind die Fotografen nicht bekannt, v.a in den frühen Jahren. Doch leisteten sie gekonnte Arbeit im Nachstellen und Beleuchten der Bilder, die noch dazu die Stimmung des Films einfangen und trotz statischer Natur die Bewegtheit eines Films vermitteln sollten.

Um die Bewegtheit der Bilder zu suggerieren griffen manche Fotografen zum einem Trick und montierten Filmränder an die Bildseiten.

„Persona“ (Regie: Ingmar Bergmann, 1966). Um die Bewegtheit der Bilder zu suggerieren griffen manche Fotografen zum einem Trick und montierten Filmränder an die Bildseiten.

Die Ausstellung arbeitet auch die oft unbeachtete Tatsache heraus, dass einige Bilder, die zu Ikonen wurden, gar nicht in dieser Form im Film vorkommen. Das beste Beispiel dafür ist die Szene aus „The Seven Year Itch“ mit Marilyn Monroe, in der ihr das Kleid über einem New Yorker U-Bahnschacht in die Höhe fliegt – im Film so nicht zu sehen, sondern extra nachgestellt und später nochmals für die Zeitungsfotografen inszeniert.

"Das verflixte 7. Jahr" (Regie: Billy Wilder, 1955): Die berühmte Szene kommt so gar nicht im Film vor.

„Das verflixte 7. Jahr“ (Regie: Billy Wilder, 1955): Die berühmte Szene kommt so gar nicht im Film vor. Foto: Sam Shaw

"Das verflixte 7. Jahr" (Regie: Billy Wilder, 1955): nachgestellt für die Fotografen

„Das verflixte 7. Jahr“ (Regie: Billy Wilder, 1955): nachgestellt für die Fotografen

Besonders schön ist der Konnex mit anderen Künstlern herausgearbeitet, wie z.B. die Bilder für den Fritz Lang-Film „Die Nibelungen“ (1924), für die der Fotograf Anleihen bei Jugendstilillustrationen von Carl Otto Czeschka von 1908 nahm. Oder Alain Resnais‘ „Letztes Jahr in Marienbad“ von 1961, wo mit grafischen Mustern und geometrischen Formen in Schwarzweiß gearbeitet wird.

Die Jugendstilästhetik Czeschkas für das Buch "Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt von Franz Keim" (1908) als Vorbild für Fritz Langs Nibelungenfilm

Die Jugendstilästhetik Czeschkas für das Buch „Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt von Franz Keim“ (1908) als Vorbild für Fritz Langs Nibelungenfilm und die dazugehörigen Werbefotos

"Die Nibelungen" (Regie: Fritz Lang, 1924)

„Die Nibelungen“ (Regie: Fritz Lang, 1924), Foto: Horst von Harbou

"Die Nibelungen" (Regie: Fritz Lang, 1924)

„Die Nibelungen“ (Regie: Fritz Lang, 1924)

Dominiert für die Stummfilmzeit der deutsche bzw. amerikanische Film, werden für die 60er- und 70er-Jahre hauptsächlich französische (Godard, Resnais) und italienische Filme (Fellini, Pasolini) herangezogen.

"Letztes Jahr in Marienbad" (Regie: Alain Resnais, 1961)

„Letztes Jahr in Marienbad“ (Regie: Alain Resnais, 1961), Foto: Georges Pierre

"Die 120 Tage von Sodom" (Regie: Pier Paolo Pasolini, 1975)

„Die 120 Tage von Sodom“ (Regie: Pier Paolo Pasolini, 1975), Foto: Deborah Imogen Beer

Eine zusätzliche Spielerei, die wirklich amüsant ist: Mit der App Artivive und einem ausreichend aufgeladenen Smartphone werden viele der Film-Stills zum Leben erweckt. Wenn die Kamera auf das Foto gehalten wird, erkennt die App die dazugehörige Filmszene und spielt sie ab.

Film-Stills

Tipps:

  • Die Ausstellung ist nur mehr bis 26.02.2017 zu sehen, ich empfehle einen Besuch am Mittwoch Abend, wo die Albertina bis 21:00 Uhr geöffnet hat und viel weniger Besucher die Räume verstellen.
  • Rahmenprogramm:16.02.2017, 18:30 Uhr, Musensaal der Albertina | Eintritt frei | keine Anmeldung erforderlichErstmals diskutiert an diesem Abend Keith Hamshere öffentlich Highlights seiner langen und faszinierenden Karriere in der Filmindustrie: Für über 100 Filmproduktionen war er als Standfotograf tätig, sein Durchbruch gelang ihm als er die Chance erhielt für den legendären Regisseur Stanley Kubrick am Set von 2001 – A Space Odyssey zu arbeiten. Hamsheres Fotos vermitteln die technischen und kreativen Anforderungen dieses bemerkenswerten Films. „Meine Arbeit“, so Hamshere, „bedingte, dass ich mich am Filmset unsichtbar machte“.

Empfehlung: 4*

http://www.albertina.at/de/film-stills

Arthur Millers „Hexenjagd“ leider erschreckend aktuell

Vordergründig gibt eine wahre Begebenheit im Salem (heute Massachusetts) des Jahres 1692 den Stoff für dieses Theaterstück (Uraufführung 1953), es wurde aber immer auch mit den Kommunistenverfolgungen der McCarthy-Ära in Verbindung gebracht. Das Thema ist auch heute brandaktuell: Es geht um Denunzierung, Massenwahn, Aberglauben und das Abdriften ganzer Gemeinschaften ins Irrationale.

der Verhandlungssal - düster wie der Rest des Stückes

der Verhandlungssal – düster wie der Rest des Stückes

Martin Kušej, der einige Jahre dem Burgtheater den Rücken gekehrt hatte, serviert schwierige Kost: eine düstere Bühne, vollgestellt mit einem Wald aus Kreuzen, und quälende Langsamkeit machen es den Zuschauern nicht leicht, bei wachen Sinnen zu bleiben. Im Programm sind 3 Stunden angekündigt, tatsächlich dauert es 3 Stunden 45 Minuten, mit der einzigen Pause nach mehr als 2 Stunden.

das großartige Ensemble

das großartige Ensemble

Hexenjagd

Vielleicht war ich schon auf darauf eingestellt, wenn es zu mühsam ist, wird gegangen. Und daher meine Überraschung, dass ich die Inszenierung überhaupt nicht langweilig gefunden habe. Schon lang, aber nicht langweilig.

Ich kann auch wieder nur von grandiosen schauspielerischen Leistungen berichten; sogar Michael Maertens spielte dieses Mal nicht Maertens, sondern den stellvertretenden Gouverneur.

Empfehlung: 3*

 

https://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/premieren/Hexenjagd.at.php

https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenjagd_(Drama)

 

Stefan Mickisch, der Opernführer im Theater an der Wien

Vor ein paar Jahren bin ich – als dezidierte Nicht-Wagner-Liebhaberin – bei einer Radiosendung hängen geblieben, in der auf äußerst amüsante Art „Der Ring des Nibelungen“ erklärt wurde. So stieß ich auf Stefan Mickisch, den bayrischen Musikwissenschaftler und Pianisten, der hier in vier Teilen das Opernwerk in seine einzelnen Motive zerlegte, wieder neu zusammensetzte, sie dabei auf dem Klavier vortrug und witzig die Handlung erzählte. Ok, dachte ich, so lasse ich mir Wagner gefallen.

Stefan Mickisch

Dieses Programm trug er dann auch an vier Abenden im Theater an der Wien vor – wieder informativ und kurzweilig. Mickisch hält auch seit vielen Jahren die Einführungsvorträge in Bayreuth und hat sich eine große Fangemeinde geschaffen. Davon konnte ich mich letzte Woche im vollen Theater an der Wien überzeugen, wo er Mozarts „Die Zauberflöte“ in gewohnt unterhaltsamer Weise beleuchtete.

Das Bühnenbild der laufenden Produktion, Henry Purcells "The Fairy Queen", paßt gut zur "Zauberflöte"

Das Bühnenbild der laufenden Produktion, Henry Purcells „The Fairy Queen“, paßt gut zur „Zauberflöte“

Zweimal gibt es in nächster Zeit die Möglichkeit, den Opernführer in Wien zu sehen und zu hören:

20.02.2017 „Fidelio“

25.03.2017 „Die Fledermaus

Empfehlung: 4*

 

http://www.mickisch.de/index.php?id=1&no_cache=1

https://www.theater-wien.at/de/programm/production/227/Stefan-Mickisch-Fidelio

https://www.theater-wien.at/de/programm/production/225/Stefan-Mickisch-Die-Fledermaus

Wir haben ja Fasching: eine völlig überdrehte „Komödie der Irrungen“ im Burgtheater

Grellbuntes Treiben auf der ebenso bunten Bühne, Kostüme wie aus Zeichentrickfilmen oder Comics, grimassenschneidende Schauspieler: Wie immer bei Herbert Fritsch eine völlig durchgeknallte Situation. Diese Beständigkeit in seinen Inszenierungen muss man dem Regisseur lassen. Doch war ich von Molières „Eingebildetem Kranken“ restlos begeistert, haben sich die Ideen dann doch abgelutscht: Ein glänzender Bühnenboden, buntes Licht, irgendwo steht ein Instrument herum, das die Handlung musikalisch unterstützt, überagierende Figuren mit zuckenden Gliedmaßen und verzerrten Gesichtern. Einmal originell und phantasievoll – beim zweiten Mal nicht mehr lustig.

Die beiden Doppelzwillinge Antipholus (r., sebastian Blomberg) und Dromio (l. Simon Jensen)

Die beiden Doppelzwillinge Antipholus (r., sebastian Blomberg) und Dromio (l. Simon Jensen)

Für die Schauspieler und Schauspielerinnen bedeutet das wieder totalen Körpereinsatz, um die Geschichte von den beiden getrennten Zwillingspaaren zu erzählen. Dass dabei Shakespeares Text zwangsläufig in den Hintergrund tritt, ist klar.

Komödie der Irrungen

Komödie der Irrungen

Komödie der Irrungen

v.l.n.r.: Dorothee Hartinger, Stefabie Dvorak, Marta Kizyma

v.l.n.r.: Dorothee Hartinger, Stefabie Dvorak, Marta Kizyma

Sebastian Blomberg und Simon Jensen, die die (insgesamt 4) Zwillinge verkörpern, machen so wie alle anderen ihre Sache trotzdem sensationell gut. Belohnt wurden sie mit großem Applaus – ich glaube, dass v.a. sehr viele Fans aus Deutschland in meiner Vorstellung waren. Denn alle, mit denen ich gesprochen habe, fanden die Aufführung schrecklich. Soweit möchte ich nicht gehen, aber man sollte sich entscheiden, ob man sich Molière oder Shakespeare in einer Fritsch-Inszenierung anschaut. Beides ist eindeutig zu viel.

Empfehlung: 2*

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kom%C3%B6die_der_Irrungen

https://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/premieren/Komoedie_der_Irrungen.at.php

Meine ganz persönlichen Kultur-Highlights des Jahres 2016

Viel hat sich getan im gerade noch alten Jahr, über einiges habe ich auch berichtet. Hier noch eine kleine Zusammenfassung meiner ganz persönlichen Highlights des Kulturjahres 2016 (nicht über alle erschien auch ein Beitrag im Blog):

1          Platz 1 nimmt mein Besuch in der Mailänder Scala ein, den ich einem Freund zu verdanken habe. Das perfekte Stück für eine Wienerin in Italien, „Der Rosenkavalier“ unter Zubin Mehta (Regie Harry Kupfer), mit Sitz in der Königsloge und anschließender Feier mit einem Teil des Ensembles.

Highlight 2016

"Der Rosenkavalier"

„Der Rosenkavalier“

 

         Jardin Majorelles und Anima in/bei Marrakesch: Zwei Gärten, ganz verschieden in ihrer Ausrichtung, beide mit wuchernden Pflanzen und knalligen Farben.

Jardin Majorelles von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé

Jardin Majorelles von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé

Im Garten Anima von André Heller

Im Garten Anima von André Heller

 

3          Die Wiederentdeckung Berlins (aus privaten Gründen) mit einer Unzahl an Ausstellungen, Museen, Theatern, Konzerten….

Highlight 2016

 

         Immer wieder: Das Staatsballett unter Manuel Legris, wunderschöne Abende in der Staats- und Volksoper.

Highlight 2016

 

5          Die Aufführung von Beethovens 3. Symphonie „Eroica“ im Eroica-Saal durch die Wiener Akademie: Originalklang-Ensemble am Originalplatz der Uraufführung – was will man mehr?

Die Wiener Akademie

Die Wiener Akademie

Decke im Eroica-Saal

Decke im Eroica-Saal

 

6          Markus Meyer: Der Burgschauspieler konnte in ganz unterschiedlichen Rollen und mit vollem Körpereinsatz überzeugen: in „Coriolan“, „Der eingebildete Kranke“, „Der Diener zweier Herren“, „Ludwig II.“…

©Reinhard Werner

©Reinhard Werner

 

7          „Floating Piers“ von Christo am Lago d‘Iseo– ein Riesenauflauf, aber sehens- und erlebenswert.

Christos "Floating Piers"

Christos „Floating Piers“

 

8          Fondazione Prada in Mailand: weil spannende Kunst in toller Architektur.

Fondazione Prada

Fondazione Prada

 

9          Olafur Eliasson im Winterpalais: „Ein Zauberer mit Licht und Material“ hab ich’s genannt.

Olafur Eliasson im Winterpalais

Olafur Eliasson im Winterpalais

 

10          Eine Aufführung von „Don Giovanni“ in Bratislava: gute Inszenierung, gute Sänger, gute Preise, schnell von Wien aus zu erreichen – einmal etwas anderes.

"Don Gioavanni"

„Don Gioavanni“

Die Oper in Bratislava

Die Oper in Bratislava

Mit diesem Rückblick wünsche ich allen ein wunderbares, friedliches, erfolgreiches, gesundes Jahr 2017 – mit ganz vielen weiteren Kulturhighlights!