„Film-Stills. Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino“ – eine sehenswerte Ausstellung in der Albertina

„Standbilder galten lange nicht als Kunst, sondern als Fotos aus Filmen, die schlicht nicht weiterlaufen.“ (Die Zeit)

"... denn sie wissen nicht, was sie tun" (Regie: Nicholas Ray, 1955), Foto: Floyd McCarthy (zugeschrieben)

„… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Regie: Nicholas Ray, 1955), Foto: Floyd McCarthy (zugeschrieben)

Dass das ein großer Irrtum ist, ist in der laufenden Ausstellung in der Wiener Albertina zu sehen, die das Genre der Film-Stills mit Bildern der 1910er- bis 1970er-Jahre als eigene Kunstform zeigt.

"Die Nacht des Jägers" (Regie: Charles Laughton, 1955)

„Die Nacht des Jägers“ (Regie: Charles Laughton, 1955) – übrigens einer der Filme, die mich als Jugendliche am meisten verstört haben.

In den meisten Fällen wurden die Bilder für Werbezwecke extra angefertigt. In den Anfangszeiten des Films in nachgestellten Szenen nach Drehschuss, in eigenen Porträtstudien der Stars oder mit Szenen, die wahrscheinlich der Zensur zum Opfer fallen würden. Je besser die Kameratechnik wurde, desto mehr konnte auch direkt auf dem Filmset fotografiert werden. Oft sind die Fotografen nicht bekannt, v.a in den frühen Jahren. Doch leisteten sie gekonnte Arbeit im Nachstellen und Beleuchten der Bilder, die noch dazu die Stimmung des Films einfangen und trotz statischer Natur die Bewegtheit eines Films vermitteln sollten.

Um die Bewegtheit der Bilder zu suggerieren griffen manche Fotografen zum einem Trick und montierten Filmränder an die Bildseiten.

„Persona“ (Regie: Ingmar Bergmann, 1966). Um die Bewegtheit der Bilder zu suggerieren griffen manche Fotografen zum einem Trick und montierten Filmränder an die Bildseiten.

Die Ausstellung arbeitet auch die oft unbeachtete Tatsache heraus, dass einige Bilder, die zu Ikonen wurden, gar nicht in dieser Form im Film vorkommen. Das beste Beispiel dafür ist die Szene aus „The Seven Year Itch“ mit Marilyn Monroe, in der ihr das Kleid über einem New Yorker U-Bahnschacht in die Höhe fliegt – im Film so nicht zu sehen, sondern extra nachgestellt und später nochmals für die Zeitungsfotografen inszeniert.

"Das verflixte 7. Jahr" (Regie: Billy Wilder, 1955): Die berühmte Szene kommt so gar nicht im Film vor.

„Das verflixte 7. Jahr“ (Regie: Billy Wilder, 1955): Die berühmte Szene kommt so gar nicht im Film vor. Foto: Sam Shaw

"Das verflixte 7. Jahr" (Regie: Billy Wilder, 1955): nachgestellt für die Fotografen

„Das verflixte 7. Jahr“ (Regie: Billy Wilder, 1955): nachgestellt für die Fotografen

Besonders schön ist der Konnex mit anderen Künstlern herausgearbeitet, wie z.B. die Bilder für den Fritz Lang-Film „Die Nibelungen“ (1924), für die der Fotograf Anleihen bei Jugendstilillustrationen von Carl Otto Czeschka von 1908 nahm. Oder Alain Resnais‘ „Letztes Jahr in Marienbad“ von 1961, wo mit grafischen Mustern und geometrischen Formen in Schwarzweiß gearbeitet wird.

Die Jugendstilästhetik Czeschkas für das Buch "Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt von Franz Keim" (1908) als Vorbild für Fritz Langs Nibelungenfilm

Die Jugendstilästhetik Czeschkas für das Buch „Die Nibelungen. Dem deutschen Volke wiedererzählt von Franz Keim“ (1908) als Vorbild für Fritz Langs Nibelungenfilm und die dazugehörigen Werbefotos

"Die Nibelungen" (Regie: Fritz Lang, 1924)

„Die Nibelungen“ (Regie: Fritz Lang, 1924), Foto: Horst von Harbou

"Die Nibelungen" (Regie: Fritz Lang, 1924)

„Die Nibelungen“ (Regie: Fritz Lang, 1924)

Dominiert für die Stummfilmzeit der deutsche bzw. amerikanische Film, werden für die 60er- und 70er-Jahre hauptsächlich französische (Godard, Resnais) und italienische Filme (Fellini, Pasolini) herangezogen.

"Letztes Jahr in Marienbad" (Regie: Alain Resnais, 1961)

„Letztes Jahr in Marienbad“ (Regie: Alain Resnais, 1961), Foto: Georges Pierre

"Die 120 Tage von Sodom" (Regie: Pier Paolo Pasolini, 1975)

„Die 120 Tage von Sodom“ (Regie: Pier Paolo Pasolini, 1975), Foto: Deborah Imogen Beer

Eine zusätzliche Spielerei, die wirklich amüsant ist: Mit der App Artivive und einem ausreichend aufgeladenen Smartphone werden viele der Film-Stills zum Leben erweckt. Wenn die Kamera auf das Foto gehalten wird, erkennt die App die dazugehörige Filmszene und spielt sie ab.

Film-Stills

Tipps:

  • Die Ausstellung ist nur mehr bis 26.02.2017 zu sehen, ich empfehle einen Besuch am Mittwoch Abend, wo die Albertina bis 21:00 Uhr geöffnet hat und viel weniger Besucher die Räume verstellen.
  • Rahmenprogramm:16.02.2017, 18:30 Uhr, Musensaal der Albertina | Eintritt frei | keine Anmeldung erforderlichErstmals diskutiert an diesem Abend Keith Hamshere öffentlich Highlights seiner langen und faszinierenden Karriere in der Filmindustrie: Für über 100 Filmproduktionen war er als Standfotograf tätig, sein Durchbruch gelang ihm als er die Chance erhielt für den legendären Regisseur Stanley Kubrick am Set von 2001 – A Space Odyssey zu arbeiten. Hamsheres Fotos vermitteln die technischen und kreativen Anforderungen dieses bemerkenswerten Films. „Meine Arbeit“, so Hamshere, „bedingte, dass ich mich am Filmset unsichtbar machte“.

Empfehlung: 4*

http://www.albertina.at/de/film-stills

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