Ein Wahnsinnsstück für einen Wahnsinnsschauspieler: „Die Welt im Rücken“ im Akademietheater

Und das ist hier wörtlich gemeint: Thomas Melle, der deutsche Autor, leidet an einer bipolaren Störung bzw. manisch-depressiven Krankheit. Diese Krankheit beschrieb er schon in seinem 2016 erschienen Buch „Die Welt im Rücken“, die nun dramatisiert im Akademietheater uraufgeführt wurde.

nur die Tischtennisbälle …

Für die einzige Rolle des Stücks konnte man eigentlich keinen besseren als Joachim Meyerhoff finden, der seine Kindheit in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte (sein Vater war Anstaltsdirektor, die Familie lebte auf dem Gelände) und seine Jugend  ja auch in den Projekt „Alle Toten fliegen hoch“ zum Thema macht.

wenige, aber sehr effektive Requisiten

Erleben kann man im Akademietheater einen fast dreistündigen Monolog, in dem die Auf und Abs der Krankheit aus der Sicht des Betroffenen erzählt werden: Bei Melle dauern die Phasen offenbar sehr lange, von bis zu einem Jahr ist die Rede. Wie empfindet der Kranke selbst die unterschiedlichen Zustände, wie wirkt er auf seine Umwelt, wie seine Umwelt auf ihn? Ich glaube, selten wurde diese Krankheit so unaufgeregt, zeitweise wirklich amüsant, dabei nie nach Mitleid heischend dargestellt.

Und über Joachim Meyerhoff ist bereits so viel gesagt und geschrieben worden, ich kann nur wiederholen: ein wirklicher Ausnahmeschauspieler, der in dem Stück (wie schon oft) an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit geht.

Regie: Jan Bosse, der auch für die Inszenierung von „Robinson Crusoe“ mit Meyerhoff verantwortlich war und dort Zuschauer und Schauspieler Platz tauschen ließ.

Wahrscheinlich wird es ein ziemliches G’riß um die Karten geben, auch die Stehplätze waren bummvoll.

Empfehlung: 4*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=967883421

https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Melle

https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Meyerhoff

Aber hallo! Es geht rund und bunt zu bei Molières „Eingebildetem Kranken“ im Burgtheater

Dass es keine 08/15-Aufführung werden würde, war klar, aber dass es dann wirklich SO anders ist, war dann doch eine Überraschung (für mich). Herbert Fritsch inszenierte Molières Komödie „Der eingebildete Kranke“, mit neuer Übersetzung und Ergänzungen, als knallbuntes, völlig überdrehtes, keinen Moment langweiliges Spektakel. Der Regisseur entwarf auch das Bühnenbild, wobei die Kunst darin besteht, dass es praktisch kein Bühnenbild gibt, sondern nur 3 Cembali und bunt eingefärbte Seitenwände mit Röntgenbildern. Auch Requisiten gibt es nicht, die werden „dargestellt“.

Der eingebildete Kranke

Joachim Meyerhoff als eingebildeter Kranke Argan ist wie immer toll, wird allerdings fast an die Wand gespielt von einem hüpfenden, tanzenden, sich drehenden Markus Meyer als Dienstmädchen Toinette. Dass diese Regie den Schauspielern auch körperlich alles abverlangt, zeigt ein großartiges Ensemble (v.a. Marie-Luise Stockinger, Laurence Rupp und Simon Jensen).

Der eingebildete Kranke

Zuckerlfarbene Kostüme (Victoria Behr) ergänzen das stimmige Gesamtbild – wirklich großes Theater mit völlig anderem Ansatz!

Der eingebildete Kranke

Herbert Fritsch, der ehemalige Radikalschauspieler der Berliner Volksbühne, der vor einigen Jahren als Regisseur wieder auftauchte, hat diese grellen, bis ans Bizarre reichenden Interpretationen zu seinem Markenzeichen gemacht. Eigentlich war es an der Zeit, dass auch am Burgtheater etwas davon zu sehen ist.

Der eingebildete Kranke

Empfehlung: 4*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=965328667

https://de.wikipedia.org/wiki/Moli%C3%A8re

https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Fritsch

Klotzen, nicht kleckern: „Antigone“ im Burgtheater

Ein Freund hat mir geraten, eine Sonnenbrille mitzunehmen, die Platzanweiserin noch kurz vor Beginn geraunt: „Achtung, es wird sehr laut.“ Was kann man nach diesen Warnungen wohl erwarten?

Die Bühne wird weit in den erleuchteten Zuschauerraum geführt

Die Bühne wird weit in den erleuchteten Zuschauerraum geführt

Es wurde tatsächlich ein zeitweise zu grell erleuchteter und sehr lauter Theaterabend! Sophokles‘ „Antigone“ wird im Burgtheater mit viel Pathos und Technik ins heutige Theater geholt. Die junge Regisseurin Jette Steckel hat sich ein monströses Bühnenbild (von Florian Lösche) hinstellen lassen, das in erster Linie aus Leuchten besteht. Viel Rauch, auch im ganzen Zuschauerraum, zwei Chöre, die sich unter das Publikum mischen, und ein Steg weit ins Parkett hinein – irgendwie ist man bei dieser Aufführung mehr im Geschehen als sonst. Und irgendwie packt es einen schon, das Drama, das sich sich im antiken Theben abspielt und in kräftige Bilder umgesetzt wird.

Antigone von Sophokles  Antigone von Sophokles

Über die Geschichte will ich hier nicht viel schreiben, es ist überall nachzulesen, wie sich Antigone gegen ihren Onkel Kreon auflehnt und das mit dem Tod bezahlen muss.

Wirklich beeindruckend ist Joachim Meyerhoff als Kreon – aber wann ist er das eigentlich nicht? Auch Aenne Schwarz als Antigone und Philipp Hauß als der einzige, der etwas Komödie in das Stück bringen darf, sind herausragend. Und die anderen wie Martin Schwab, Mavie Hörbiger, Mirco Kreibich und Oliver Masucci machen ebenfalls alles richtig. Der zweite Chor, der von den Logen aus singt, muss nicht unbedingt sein, zumal der Text kaum verständlich ist.

20150601_212421  Antigone von Sophokles

Fazit: In den knapp 2 Stunden gibt es genug zu schauen und zu hören, Aufmerksamkeit ist bei dem Versmaß sowieso zu empfehlen. Vielleicht ist es von allem ein wenig zu viel, aber das soll uns wahrscheinlich die griechische Tragödie im Heute schmackhaft machen. Und so, wie der Applaus war, werden die Vorstellungen gut besucht sein – also rechtezeitig um Karten umschauen!

Empfehlung: 3*

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=964250963

http://de.wikipedia.org/wiki/Antigone_%28Sophokles%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Antigone