„Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“ im Wien Museum

Eine in der Forschung und in den Publikationen eher unterbelichtete Zeit in Wiens Geschichte: Dass die Mehrheit der Wiener Bevölkerung im 16. Jahrhundert protestantisch war, ist den meisten wahrscheinlich nicht bewusst. Denn die katholischen Habsburger und mit ihnen die Gegenreformation taten alles, um die Stadt und die Untertanen wieder zum „richtigen“ Glauben zu bringen. In der Schlacht am Weißen Berg im Jahr 1620 wurde der Widerstand der protestantischen Stände endgültig gebrochen. Ganz ließ sich der neue Glaube freilich in Wien nicht ausrotten, doch es sollte noch bis zum Toleranzpatent Josephs II. dauern (1781), bis der Bevölkerung eine freie Religionsausübung erlaubt wurde.

Jakob Seisenegger: Predigt in der Wiener Augustinerkirche 1561 © Graf Harrach´sche Familiensammlung, Schloss Rohrau, NÖ

Jakob Seisenegger: Predigt in der Wiener Augustinerkirche 1561
© Graf Harrach´sche Familiensammlung, Schloss Rohrau, NÖ

Zwischen Martin Luthers Veröffentlichung seiner 95 Thesen (1517) und dem Toleranzpatent spannt sich der Bogen in der Ausstellung, mit dem Schwerpunkt im 16. und frühen 17. Jahrhundert.

Das alte Landhaus in der Herrengasse, ein wichtiges Zentrum der Protestanten (historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) © Wien Museum

Das alte Landhaus in der Herrengasse, ein wichtiges Zentrum der Protestanten (historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) © Wien Museum

Nicht nur die religiösen Konflikte in der Residenzstadt der katholischen Habsburger, sondern auch das politische, wirtschaftliche und kulturelle Umfeld werden beleuchtet. Da der Ausstellungssaal im Wien Museum ja nicht riesig ist, machte man aus der Not eine Tugend und möchte die Beengtheit innerhalb der Wiener Stadtmauern buchstäblich fühlbar machen. Daher empfiehlt sich ein Besuch zu einer Zeit, wo Platz und Zeit genug sind, um die Objekte ausführlich zu betrachten.

Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Das Augsburger Bekenntnis („Confessio Augustana“), 1530. Zeitgenössicshe Abschrift des deutschen Originals. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Original des Augsburger Religionsfriedens 1555. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Original des Augsburger Religionsfriedens 1555. Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Denn es wäre schade, durch diese Ausstellung schnell durchzuhetzen und sich nicht mit den wertvollen Originaldokumenten zu befassen, die in dieser Zusammenstellung noch nie zu sehen waren: So wird einer von wenigen erhaltenen Erstdrucken der Thesen Luthers von 1517 gezeigt, das Augsburger Bekenntnis von 1530 in der ältesten Abschrift in deutscher Sprache sowie das Originaldokument des Augsburger Religionsfriedens von 1555 mit der Unterschrift Ferdinands I.. Aber keine Angst, die Ausstellung besteht nicht nur aus sogenannter „Flachware“, sondern die dramatischen Jahre werden mit Gemälden, Stichen und anderen Kunst- und Alltagsobjekten dargestellt.

Der sehr informative Katalog ist auf dem besten Weg, zum Standardwerk für diese Epoche der Wiener Geschichte zu werden. Der Preis ist mit EUR 29.- sehr vernünftig, wer allerdings das Layout verbrochen hat, muss ich noch nachschauen. Denn so einen hässlichen Satzspiegel habe ich schon lange nicht erlebt – wie wenn in der Druckerei auf jeder Seite ein Fehlschnitt passiert ist. Ich weiß, der Inhalt soll wichtiger sein als die Form, aber in diesem Fall ist Kritik schon angebracht.

Wien Museum

Ansonsten: Eine wirklich sehr informative, kleine, feine Ausstellung mit Schätzen aus den Archiven und einer klaren Vorgabe, wie der Rundgang sinnvoll angelegt werden soll.

Geöffnet bis 14.05.2017, täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr.

Empfehlung: 4*

 

http://www.wienmuseum.at/de/aktuelle-ausstellungen/ansicht/brennen-fuer-den-glauben-wien-nach-luther.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther

https://de.wikipedia.org/wiki/Protestantismus

Zwei Musik-Tipps für den Sommer in Wien: Das Popmuseum im Wien Museum und Klassikkonzerte im MuseumsQuartier

Popmuseum mit Wolfgang Kos

Das Popmuseum kehrt zurück! Es ist ein legendäres Museum, das nie ein festes Gebäude hatte, sondern seine Schätze stets „on air“ ausstellte. Die Linie war für den ehemaligen Wien Museum-Direktor Wolfgang Kos immer klar: keine Oldies Revue, sondern Klassiker und Raritäten im kulturgeschichtlichen Kontext, Pop, Rock, Folk, Blues etc. als Radiofeuilleton.

© Sabine Hauswirth

© Sabine Hauswirth

Nach längerer Pause ist die 1974 gestartete Ö3-Sendung zurück im Radio – diesmal als Sommerserie auf Ö1, ab 3. Juli jeweils sonntags von 13:10 bis 14 Uhr. Die erste der insgesamt zehn „Musikausstellungen“ wird live aus dem Wien Museum gesendet.

Sonntag, 3. Juli 2016, 12:45 Uhr
Wien Museum Karlsplatz

Eintritt frei!
Um Anmeldung wird gebeten
Aufgrund der Liveübertragung bitte pünktlich erscheinen!

(Text Wien Museum)

 

Klassikkonzerte im MuseumsQuartier Wien

In Zusammenarbeit mit der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Orpheus sowie Grafenegg erweitert das MuseumsQuartier sein Musikprogramm um eine klassische Komponente und bietet im Juli und August Klassikkonzerte im MQ Haupthof. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei.

© Hertha Hurnaus

© Hertha Hurnaus

Zum Auftakt präsentieren sich am 13. Juli, 20h beim „Chamber Open Air“ Studierende der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit einer bunten musikalischen Auswahl. Das „Sonus – Saxophonquartett“, eines der zur Zeit aufregendsten Kammermusikensembles Österreichs, lässt Werke der Klassik in neuem, unerwarteten Glanz erstrahlen. Zu hören sein werden Werke von Edvard Grieg und George Gershwin.

Mozart, Respighi und Tschaikowsky stehen am 05. August, 20.30h beim Open-Air Konzert von „Camerata Orphica“ und Mario Hossen im Rahmen des Festivals „Orpheus in Wien“ auf dem Programm. Dieses internationale Kammer- und Symphonieorchester wurde 2007 vom österreichisch-bulgarischen Violin-Virtuosen Mario Hossen gegründet. Es besteht aus jungen MusikerInnen aus Österreich, Bulgarien sowie der Donauregion, die vielfach bereits bei nationalen und internationalen Musikwettbewerben ausgezeichnet wurden. Die „Camerata Orphica“ reist ganzjährig um den Globus und begeistert ihr Publikum mit virtuosen Klängen.

Musiktalente aus ganz Europa hautnah erleben kann man auch am 08. August, 19h beim „KLASSIK-CLOSE UP@MUSEUMSQUARTIER“, im Rahmen dessen Grafenegg das „European Union Youth Orchestra“ präsentiert. Das „KLASSIK-CLOSE UP@MUSEUMSQUARTIER“ ist Teil des „European Music Campus“, der als Ergebnis der kontinuierlichen Zusammenarbeit von Grafenegg und dem „European Union Youth Orchestra“ (EUYO) von 22. Juli bis 08. August mit zahlreichen musikalischen Aktivitäten in und um Grafenegg stattfindet. Der „European Music Campus“ hat das Ziel, die Entwicklung von jungen MusikerInnen und die aktive Teilhabe des Publikums zu fördern.

Den Abschluss macht am Sonntag 28. August, 16h der Ausklang der „isa16“, der internationalen Sommerakademie der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die Jungstars der isa aus aller Welt verwandeln das MQ in einen Konzertsaal unter freiem Himmel. Mit Werken von Bach bis zur Gegenwart ziehen die jungen professionellen SolistInnen und Ensembles unter dem Motto „Summer, Sounds und Studierende“ alle Register!

(APA)

Hearing für die Teilnehmer / Interessenten am Architekturwettbewerb Wien Museum am Karlsplatz

Das gestrige Hearing für den offenen zweistufigen Realisierungswettbewerb war in mancherlei Hinsicht interessant:

1. Das Interesse der internationalen Architektenschaft an dieser herausfordernden Aufgabenstellung ist groß, das Atrium des Wien Museums war voll besetzt. Es geht ja um den Umbau und die Erweiterung des Museums von ca. 6.900 m² auf 12.000m² Nettonutzfläche! Und um die städtebauliche Integration am Karlsplatz unter Einbeziehung des benachbarten „Winterthur Gebäudes“ (das ja direkt an der Karlskirche angrenzt).

Die Fläche des Wien Museums wird fast verdoppelt - und ein gar nicht so kleiner Teil des Parks verbaut

Die Fläche des Wien Museums wird fast verdoppelt – und ein gar nicht so kleiner Teil des Parks verbaut

2. Der denkmalgeschützte Haerdtl-Bau kämpft mit schweren statischen Problemen – viel länger hätte man mit dem Bauvorhaben nicht mehr warten dürfen. Im Keller rutschen bereits die Fundamente …

3. Nicht nur die üblichen Verdächtigen waren anwesend, sondern darüber hinaus sämtliche involvierten und nichtinvolvierten Magistratsabteilungen sowie die Planungssprecher diverser Parteien. Eigentlich hat im Wettbewerb nur die Jury etwas zu sagen, wozu also das große Aufgebot?

4. Das ganze Projekt wird in Form einer Public-Private-Partnership abgewickelt. Nach dem Scheitern vieler PPP-Projekte im benachbarten Ausland (höhere Kosten anstelle der erwarteten Einsparungen!) ist zu hoffen, dass dieser Weg nicht in ein wirtschaftliches Desaster führen wird.

Modell des Karlsplatzes mit dem Wien Museum hinten in der Mitte - eine städtebauliche Herausforderung

Modell des Karlsplatzes mit dem Wien Museum hinten in der Mitte – eine städtebauliche Herausforderung

5. Die Eitelkeiten der Architekten sind grenzenlos: Ob es sich über den plötzlich beleidigten Planer der letzten Um- und Ausbauten im Museum handelt, der sich auf den Schlips getreten fühlte. Oder um einen der alten Herren der Wiener Architektenszene, der glaubt, ein Freiticket für den Wettbewerb, wenn nicht gar eine direkte Auftragserteilung mit jahrelangen unbestellten Zeichnungen für das Gebäude erworben zu haben …

6. Die Jury wurde international besetzt, unter dem Vorsitz von Arch. Günther Zamp Kelp (der in Berlin lebt und arbeitet). Aus Österreich sind unter anderen Sabine Haag vom Kunsthistorischen Museum und Erich Raith, der Städtebauprofessor der TU Wien sowie Matti Bunzl, der designierte neue Direktor des Wien Museums, dabei.

7. Der Karlsplatz ist eine Gegend, wo Provisorien nichts Neues sind: So wurde das Verkehrsbüro ursprünglich nur mit einer vorübergehenden Ausnahmebaugenehmigung hingestellt und ob die Kunsthalle bereits als etwas Fixes läuft, weiß ich nicht. Der neue Zubau sollte bitte nicht auch ein Provisorium werden!

Hearing Wien Museum 30.03.2015

Hearing Wien Museum 30.03.2015

Auf jeden Fall wünsche ich dem Vorhaben und den Gewinnern viel Glück – das werden sie brauchen, denn dieses Bauprojekt an dieser Stelle kann nicht alle zufriedenstellen, dazu braucht man kein Prophet zu sein!

https://www.wien.gv.at/rk/msg/2015/03/05009.html

http://www.architekturwettbewerb.at/competition.php?id=137

Welches Wien Museum braucht Wien? Diskussion mit Matti Bunzl

Gestern fand der erste inhaltliche Auftritt von Matti Bunzl als designierter Direktor des Wien Museum statt. Er tritt die Stelle im Hebst 2015 an, wenn Wolfgang Kos in Pension geht. Seine Bestellung ist noch immer ein Rätsel: Nämlich wie es gelungen ist, einen anerkannten Fachmann zu gewinnen, mit dem alle Parteien einverstanden sind und das ohne die üblichen Machenschaften in der Wiener Kulturpolitik.

Diskussion Matti Bunzl, Begrüßung Gerald Bast

Diskussion Matti Bunzl, Begrüßung Gerald Bast

Die Veranstaltung wurde von der Universität für angewandte Kunst organisiert, und dieser Einstieg mag programmatisch für die zukünftige Arbeit von Bunzl sein: Er möchte nicht nur die Kooperation mit der Angewandten und anderen wissenschaftlichen Institutionen intensivieren, sondern sieht sich selbst sowohl als Wissenschaftler (Anthropologe, Kulturethnologe, Feldforscher) als auch als Manager. In dieser Funktion wird seine Aufgabe sein, seinem Team die nötigen Voraussetzungen (v.a. auch wirtschaftlich) zu schaffen, um einen moderne Museumsalltag zu gewährleisten.

Angesprochen auf seine Vision, das Wien Museum auch als „Labor der Zivilgesellschaft“ zu etablieren, fordert er offensiv diverse Einrichtungen und Gruppen auf, sich an der Neupositionierung des Museums zu beteiligen und sich für ein „Wien der Zukunft“ einzubringen. Das Motto ist „Weg vom Ausstellen – hin zum Herstellen“. Als erste Wechselausstellung schwebt ihm so etwas wie „Wien 2050“ vor, also wohin sich Wien entwickeln kann, soll, muss.

Die leider schlechte, stotternde Moderatorin brachte die Idee auf, die Dauerausstellung abzuschaffen – hier wurde sie glücklicherweise von Bunzl in die Schranken gewiesen. Ein Stadtmuseum hat natürlich auch einen didaktischen Auftrag, muss einen Gesamtüberblick geben und kann viele interessante Objekte (wie z.B. die Stadtmodelle) nicht nur temporär zeigen.

Von mir gefragt, ob er nicht Angst hat, dass er in erster Linie wegen seines großen Erfolgs im Aufstellen von Sponsorgeldern in der Vergangenheit (in den USA) geholt wurde und sich die öffentliche Hand in Kürze abputzen wird, konnte er mit finanziellen Zusagen der Stadt kontern. Wir werden sehen, ob es dabei bleibt, v.a. da ja auch der Neubau/Zubau und die Umgestaltung des gesamten Museums anstehen.

Auf jeden Fall schaut es so aus, als würde die von Wolfgang Kos begonnene Positionierung des Wien Museums weiter voranschreiten und von Matti Bunzl in die richtige Richtung gelenkt werden.

http://www.wienmuseum.at/de/ueber-uns/unser-leitbild.html